rund 38 Billionen

Bakterienzellen im Körper

Schätzung nach Sender, Fuchs und Milo (2016)

der Dickdarm

beherbergt den größten Teil davon

Mund, Haut und Dünndarm sind ebenfalls besiedelt, aber dünner

rund 3 Jahre

bis die Grundausprägung steht

Danach verschiebt sie sich weiter, aber nicht mehr grundlegend

Von Dr.-Ing. Henning Rosenfeld Fachlich geprüft Aktualisiert am 21.08.2026

Was das Mikrobiom ist

Als Mikrobiom bezeichnet man die Gesamtheit der Mikroorganismen, die einen Menschen besiedeln – vor allem Bakterien, daneben Pilze, Archaeen und Viren. Der größte Teil davon sitzt im Dickdarm. Eine oft zitierte Schätzung kommt auf rund 38 Billionen Bakterienzellen gegenüber etwa 30 Billionen menschlichen Zellen.

Die früher verbreitete Angabe, es kämen zehn Bakterien auf eine Körperzelle, geht auf eine Überschlagsrechnung aus den 1970er Jahren zurück und gilt seit der Neuberechnung von 2016 als überholt. Das Verhältnis liegt eher bei eins zu eins. Diese Korrektur ist kein Detail für Fachleute: Sie zeigt, wie lange sich eine griffige Zahl hält, wenn niemand sie nachrechnet.

Der ältere deutsche Begriff ist Darmflora. Er stammt aus einer Zeit, in der man Bakterien noch den Pflanzen zurechnete – gemeint ist dasselbe. Streng genommen unterscheidet die Fachsprache zusätzlich zwischen Mikrobiota, also der Gemeinschaft der Organismen selbst, und Mikrobiom, das auch deren Erbgut umfasst. Im Alltag werden beide Wörter synonym gebraucht.

Wo es überall sitzt

Mikroorganismen besiedeln nicht nur den Darm. Mund, Rachen, Nase, Haut und weitere Körperstellen tragen jeweils eine eigene Gemeinschaft mit eigener Zusammensetzung – die Bakterien auf der Unterarmhaut haben mit denen im Dickdarm wenig gemein.

Auch innerhalb des Verdauungstrakts ist die Verteilung sehr ungleich. Im Magen halten sich wegen der Säure nur wenige. Im Dünndarm nimmt die Dichte zu, bleibt aber vergleichsweise gering, weil die Passage schnell ist und der Körper dort selbst aufnimmt. Erst im Dickdarm, wo der Inhalt lange verweilt und Sauerstoff weitgehend fehlt, wird es dicht. Deshalb ist meist der Dickdarm gemeint, wenn vom Mikrobiom die Rede ist.

Wie es entsteht

Ein Mensch kommt weitgehend unbesiedelt zur Welt und wird es innerhalb weniger Jahre. Der Ablauf ist gut beschrieben:

Rund um die Geburt

Die erste Besiedlung findet statt. Welche Organismen dabei zuerst ankommen, hängt unter anderem vom Geburtsweg ab – in Untersuchungen unterschieden sich die frühen Gemeinschaften nach Kaiserschnitt und vaginaler Geburt deutlich.

Die Stillzeit

Muttermilch enthält Zuckerverbindungen, die der Säugling selbst nicht verwerten kann – sie sind für bestimmte Bakterien bestimmt. Das ist das älteste bekannte Beispiel dafür, dass ein Ausgangsstoff gezielt eine Gruppe versorgt.

Die erste feste Nahrung

Mit der Umstellung verschiebt sich die Zusammensetzung stark. Was der Dickdarm erstmals an pflanzlichem Material bekommt, verändert, welche Gruppen dort wachsen können.

Etwa ab dem dritten Lebensjahr

Die Grundausprägung ähnelt in ihrer Struktur der eines Erwachsenen. Sie verschiebt sich danach weiter – durch Ernährung, Alter, Bewegung, Schlaf und Medikamente –, aber nicht mehr so grundlegend.

Diese Gemeinschaft ist bei jedem Menschen anders zusammengesetzt. Zwei Menschen mit ähnlicher Lebensweise können in der Artenliste weit auseinanderliegen und trotzdem beide unauffällig sein – ein Umstand, der die Auswertung von Befunden erheblich erschwert.

Die drei Punkte

Worauf es ankommt

01

Zeichnung verschiedener Darmbakterien: Stäbchen mit Geißeln, Kugeln in
                  Ketten, gebogene Formen.

Vielfalt statt Menge

Aussagekräftig ist in der Forschung nicht die Zahl der Bakterien, sondern die Zahl unterschiedlicher Arten.

02

Zeichnung von Getreideähren, Körnern und einer Wurzel, daneben Bakterien.

Ballaststoffe als Nahrung

Was der Dünndarm nicht aufnimmt, erreicht den Dickdarm. Dort setzt die bakterielle Vergärung ein. Mehr dazu.

03

Querschnitt durch die Darmschleimhaut: eine Zellschicht mit Bürstensaum,
                  darüber Bakterien und die Schleimschicht.

Die Barriere

Die Darmschleimhaut trennt den Darminhalt vom Blutkreislauf. Mehr dazu.

Was „Vielfalt" fachlich heißt

Zwei Arten, Vielfalt zu messen

Wenn in Untersuchungen von Diversität die Rede ist, sind meist zwei verschiedene Größen gemeint, die man leicht verwechselt:

Eine hohe Alpha-Diversität gilt in vielen Untersuchungen als Kennzeichen unauffälliger Gemeinschaften. Daraus folgt aber nicht, dass mehr immer besser wäre – der Zusammenhang ist beschrieben, nicht als Ursache belegt.

Eine Zeit lang war zusätzlich von Enterotypen die Rede: der Idee, dass sich Menschen in wenige Grundtypen einteilen ließen, ähnlich Blutgruppen. Das Konzept ist in der Fachdiskussion umstritten geblieben; spätere Auswertungen fanden eher fließende Übergänge als klar getrennte Gruppen. Wer heute mit einer Typeneinteilung wirbt, geht über den gesicherten Stand hinaus.

Frische Kräuter und Zitrusfrüchte auf einer hellen Arbeitsfläche.
KI-generiert

Im Dickdarm

Was die Bakterien tun

Der Dünndarm nimmt auf, was der Körper direkt verwerten kann. Was übrig bleibt – vor allem unverdauliche Kohlenhydrate – erreicht den Dickdarm. Dort setzt die bakterielle Vergärung ein.

Dabei entstehen kurzkettige Fettsäuren, unter anderem Butyrat, Propionat und Acetat. Butyrat gilt als bevorzugte Energiequelle der Zellen, welche die Darmschleimhaut auskleiden. Auch Gase entstehen dabei – deshalb macht sich eine ballaststoffreiche Umstellung anfangs oft bemerkbar.

Zu den kurzkettigen Fettsäuren

Über die Verdauung hinaus

Nicht nur vergären

Die Vergärung ist die am besten beschriebene Aufgabe, aber nicht die einzige. Drei weitere werden regelmäßig genannt:

Einflussgrößen

Wodurch sich die Zusammensetzung verändert

Ernährung

Art und Menge der Ballaststoffe bestimmen, welche Bakterien überhaupt Nahrung finden. Der schnellste und der einzige täglich verfügbare Hebel — mehr dazu unter Ballaststoffe und Darmflora.

Antibiotika

Sie wirken nicht nur gegen Krankheitserreger, sondern verändern die Zusammensetzung insgesamt. In einer Untersuchung an zwölf gesunden Männern lag sie nach etwa anderthalb Monaten wieder nahe am Ausgangszustand – einzelne Arten fehlten allerdings auch nach sechs Monaten noch. Was daraus folgt.

Alter

Die Vielfalt verändert sich über die Lebensspanne – in den ersten Lebensjahren bildet sie sich aus, im höheren Alter verschiebt sie sich erneut. Wie viel davon auf das Alter selbst und wie viel auf veränderte Lebensumstände entfällt, ist schwer zu trennen.

Bewegung und Schlaf

Beides steht in Untersuchungen mit der Zusammensetzung in Verbindung. Die Zusammenhänge sind beschrieben, aber weniger gut belegt als bei der Ernährung.

Weitere Arzneimittel

Nicht nur Antibiotika wirken auf die Gemeinschaft. In größeren Auswertungen zeigten sich Zusammenhänge auch für andere häufig eingenommene Mittel. Das ist kein Grund, etwas abzusetzen – wohl aber einer, es bei der Einordnung eines Befunds mitzudenken.

Was Mikrobiom-Tests leisten

Im Handel gibt es Untersuchungen, die aus einer Stuhlprobe bestimmen, welche Bakteriengruppen darin nachweisbar waren. Technisch funktioniert das gut. Die Frage ist, was sich daraus ableiten lässt.

Das Kernproblem ist der fehlende Sollwert. Es gibt kein allgemein anerkanntes „gesundes Mikrobiom", gegen das sich ein Befund abgleichen ließe. Zwei unauffällige Menschen können in der Artenliste weit auseinanderliegen. Ein Wert, der von einem Durchschnitt abweicht, ist damit erst einmal nur das: eine Abweichung.

Dazu kommen praktische Einschränkungen. Gemessen wird, was im Stuhl ankommt – nicht, was an der Schleimhaut sitzt. Und die Zusammensetzung schwankt ohnehin von Tag zu Tag, je nachdem, was gegessen wurde.

Das heißt nicht, dass solche Untersuchungen wertlos wären. Es heißt, dass ihr Ergebnis eine Einordnung braucht, die ein Merkblatt nicht leisten kann – dafür gibt es das Coaching. Der Berater auf dieser Seite beurteilt bewusst keine persönlichen Befunde.

Die Darm-Hirn-Achse

Kaum ein Thema wird so weit über den Forschungsstand hinaus erzählt wie dieses. Der nüchterne Teil: Zwischen Darm und Gehirn besteht eine Verbindung – über Nervenbahnen, über Botenstoffe und über das Immunsystem. Dass die Bakteriengemeinschaft dabei eine Rolle spielt, ist in Tierversuchen deutlich gezeigt worden.

Der unbequeme Teil: Die Übertragung auf den Menschen ist der schwierige Schritt, und an dieser Stelle wird es dünn. Aus einem Befund an Mäusen folgt keine Aussage über Stimmung, Konzentration oder Verhalten eines Menschen – und schon gar keine, die ein Anbieter verwenden dürfte.

Für Bakterienkulturen und Polyphenole führt die Europäische Union bis heute keine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe. Wer in diesem Feld etwas verspricht, verspricht etwas Ungeprüftes. Warum wir das offen sagen, statt es zu umgehen, steht auf der Forschungsseite.

Dieser Text beschreibt physiologische Zusammenhänge. Er ist keine medizinische Beratung und nicht zur Selbstdiagnose geeignet. Bei anhaltenden Beschwerden ist eine ärztliche Abklärung der richtige Weg.

Quellen

  1. Sender R, Fuchs S, Milo R: Revised Estimates for the Number of Human and Bacteria Cells in the Body. PLOS Biology 14(8): e1002533, 2016 — journals.plos.org/plosbiology/article?id=10.1371/journal.pbio.1002533
  2. McDonald D et al.: American Gut – an Open Platform for Citizen Science Microbiome Research. mSystems 3(3): e00031-18, 2018 — journals.asm.org/doi/10.1128/msystems.00031-18
  3. Palleja A et al.: Recovery of gut microbiota of healthy adults following antibiotic exposure. Nature Microbiology 3: 1255–1265, 2018 — nature.com/articles/s41564-018-0257-9
  4. Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr – Ballaststoffe. Richtwert für Erwachsene mindestens 30 g pro Tag — dge.de/wissenschaft/referenzwerte/ballaststoffe/

Häufig gefragt

Fragen und Antworten

Was ist das Mikrobiom?

Als Mikrobiom bezeichnet man die Gesamtheit der Mikroorganismen, die einen Menschen besiedeln – vor allem Bakterien, daneben Pilze und Viren. Der größte Teil davon sitzt im Dickdarm. Der ältere Begriff dafür ist Darmflora; er stammt aus einer Zeit, in der man Bakterien den Pflanzen zurechnete.

Wie viele Bakterien leben im Darm?

Eine oft zitierte Schätzung geht von rund 38 Billionen Bakterienzellen im Körper aus, gegenüber etwa 30 Billionen menschlichen Zellen. Die früher verbreitete Angabe, es kämen zehn Bakterien auf eine Körperzelle, gilt als überholt.

Was ist der Unterschied zwischen Präbiotika und Probiotika?

Probiotika sind lebende Mikroorganismen. Präbiotika sind Stoffe, die von bestimmten Mikroorganismen im Darm genutzt werden können – also kein Lebendes, sondern deren Ausgangsmaterial. Vereinfacht: Probiotika sind die Bakterien, Präbiotika ist das, was sie vergären.

Wie schnell verändert sich die Darmflora?

Die Zusammensetzung verschiebt sich fortlaufend. In Untersuchungen zeigten sich messbare Veränderungen bereits innerhalb weniger Tage nach einer deutlichen Umstellung der Ernährung. Die grundsätzliche Ausprägung bildet sich dagegen über Jahre.

Zählt die Menge der Bakterien oder ihre Vielfalt?

In der Forschung gilt die Zahl unterschiedlicher Arten als aussagekräftiger als die Gesamtmenge. Wie diese Vielfalt zustande kommt und wodurch sie sich verändert, wird derzeit intensiv untersucht.

Wann bildet sich das Mikrobiom aus?

In den ersten Lebensjahren. Die Besiedlung beginnt rund um die Geburt, verändert sich mit der Ernährung des Säuglings stark und ähnelt etwa ab dem dritten Lebensjahr in ihrer Grundausprägung der eines Erwachsenen. Danach verschiebt sie sich weiter, aber nicht mehr so grundlegend.

Was bringen Mikrobiom-Tests aus dem Handel?

Sie zeigen, welche Bakteriengruppen in einer Stuhlprobe nachweisbar waren. Was sie nicht liefern, ist ein Sollwert: Es gibt kein allgemein anerkanntes „gesundes Mikrobiom", gegen das sich ein Befund abgleichen ließe. Die Einordnung eines solchen Ergebnisses gehört deshalb in ein Gespräch und nicht auf ein Merkblatt.

Sitzen Mikroorganismen nur im Darm?

Nein. Mund, Haut, Nase und weitere Körperstellen sind ebenfalls besiedelt, jeweils mit einer eigenen Zusammensetzung. Der Dickdarm ist allerdings der Ort mit der bei weitem höchsten Dichte – deshalb ist meist er gemeint, wenn vom Mikrobiom die Rede ist.

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