Ernährung
Verarbeitete Lebensmittel liefern reichlich Energie, aber wenig von dem, was die Bakterien im Dickdarm verwerten können.
mindestens 30 g
Ballaststoffe am Tag
Richtwert der DGE für Erwachsene, Frauen wie Männer
14,6 g
je 1000 Kilokalorien
Derselbe Richtwert, bezogen auf die Energiezufuhr
über 30
Pflanzenarten je Woche
American Gut Project 2018 — mehr Vielfalt als bei 10 oder weniger
Von Dr.-Ing. Henning Rosenfeld Fachlich geprüft Aktualisiert am 21.08.2026
Stark verarbeitete Lebensmittel sind darauf ausgelegt, schnell verfügbar zu sein. Ausgemahlenes Mehl, entfernte Schalen, aufgeschlossene Stärke: Genau das führt dazu, dass sie bereits im Dünndarm weitgehend aufgenommen werden – im Dickdarm kommt entsprechend wenig an.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung nennt als Richtwert mindestens 30 Gramm Ballaststoffe pro Tag, für Frauen und Männer gleichermaßen. Sie gibt denselben Wert zusätzlich energiebezogen an: mindestens 14,6 Gramm je 1000 Kilokalorien. Erhebungen zeigen, dass ein großer Teil der Bevölkerung in Deutschland darunter liegt.
Für die Bakteriengemeinschaft im Dickdarm ist das die entscheidende Größe. Sie lebt nicht von dem, was der Körper aufnimmt, sondern von dem, was übrig bleibt.
„Ballaststoff" ist ein Sammelbegriff für sehr verschiedene Stoffe. Die gebräuchlichste Einteilung unterscheidet nach Löslichkeit:
Für das Mikrobiom ist allerdings eine andere Einteilung wichtiger: fermentierbar oder nicht. Denn nur was tatsächlich vergoren wird, liefert Ausgangsmaterial für kurzkettige Fettsäuren.
Und hier liegt der Unterschied zwischen Ballaststoff und Präbiotikum: Jedes Präbiotikum ist im Regelfall ein Ballaststoff, aber nicht jeder Ballaststoff ist ein Präbiotikum. Die Fachdefinition verlangt, dass er gezielt von bestimmten Gruppen genutzt wird – ein Stoff, den alle gleichermaßen verwerten, verschiebt nichts.
Die meisten pflanzlichen Lebensmittel enthalten ohnehin beides in Mischung. Die Einteilung ist deshalb ein Denkwerkzeug, keine Einkaufsliste.
Ein Sonderfall, der es verdient, gesondert genannt zu werden: resistente Stärke ist Stärke, die im Dünndarm nicht aufgeschlossen wird und deshalb den Dickdarm erreicht. Sie verhält sich dort wie ein Ballaststoff, obwohl sie chemisch keiner ist.
Sie kommt in mehreren Formen vor – in eingeschlossener Form in ganzen Körnern und Hülsenfrüchten, als natürlich schwer verdauliche Stärke etwa in grünen Bananen, und in einer Form, die sich beim Kochen und Abkühlen bildet.
Dieser letzte Punkt ist der praktisch interessanteste: Beim Abkühlen gekochter Kartoffeln, von Reis oder Nudeln lagert sich ein Teil der Stärke um und wird für den Dünndarm schwerer zugänglich. Beim erneuten Erwärmen bleibt ein Teil davon erhalten. Kartoffelsalat vom Vortag liefert also mehr Material für den Dickdarm als frisch gekochte Kartoffeln – nicht dramatisch viel, aber messbar.
Was der Dünndarm nicht aufnimmt, erreicht den Dickdarm. Dort vergären Bakterien die unverdaulichen Kohlenhydrate. Dabei entstehen kurzkettige Fettsäuren – vor allem Acetat, Propionat und Butyrat.
Butyrat bleibt überwiegend im Darm und gilt als bevorzugte Energiequelle der Zellen, welche die Darmschleimhaut auskleiden. Acetat und Propionat gelangen zu großen Teilen weiter in den Stoffwechsel.
Nebenbei entstehen Gase: Kohlendioxid, Wasserstoff, bei einem Teil der Menschen auch Methan. Das ist der Vorgang selbst und nicht sein Nebeneffekt – deshalb macht sich eine ballaststoffreiche Umstellung anfangs oft bemerkbar. Warum das so ist, steht ausführlicher an anderer Stelle.
Zahlenangaben zu einzelnen Lebensmitteln schwanken je nach Sorte, Reifegrad und Zubereitung erheblich. Wer mit Tabellen arbeitet, sollte sie als Größenordnung lesen und nicht als Messwert.
Unterschiedliche Bakterien verwerten unterschiedliche Ballaststoffe. Wer immer dieselbe Quelle nutzt, versorgt immer dieselben Gruppen – auch bei hoher Gesamtmenge.
Die bekannteste Zahl dazu stammt aus dem American Gut Project, dessen erste große Auswertung 2018 erschien. Teilnehmer, die wöchentlich mehr als 30 verschiedene pflanzliche Lebensmittel aßen, zeigten eine vielfältiger zusammengesetzte Darmflora als diejenigen mit zehn oder weniger.
Zwei Einordnungen gehören dazu, und sie fehlen fast überall, wo die Zahl zitiert wird:
Menschen, die 30 verschiedene Pflanzen essen, unterscheiden sich auch sonst von denen, die es nicht tun. Der Zusammenhang ist beschrieben; dass die Pflanzenzahl ihn verursacht, ist damit nicht gezeigt.
Das ist der eigentlich bemerkenswerte Befund. Die Zahl der Pflanzenarten hing stärker mit der Zusammensetzung zusammen als die Einordnung als vegetarisch oder vegan – die Kategorie also, über die sonst am meisten gestritten wird.
Praktisch gerechnet ist dreißig weniger, als es klingt: Gewürze, Kräuter, Nüsse, Samen und verschiedene Getreidearten zählen mit. Eine Handvoll gemischter Nüsse bringt vier, ein Topf Gemüsesuppe leicht sechs.
Wer die Ballaststoffmenge deutlich erhöht, merkt das oft zuerst am Bauchgefühl. Das ist die Vergärung, die in Gang kommt – kein Zeichen dafür, dass etwas nicht vertragen wird.
Dieselbe Menge, über sechs Wochen aufgebaut, fällt in der Regel deutlich weniger auf als dieselbe Menge ab morgen. Die Bakteriengemeinschaft stellt sich um, aber sie braucht dafür Wochen, nicht Tage.
Und: Ballaststoffe binden Wasser. Wer die Menge erhöht, ohne mehr zu trinken, erreicht unter Umständen das Gegenteil dessen, was er wollte. Besonders gilt das für Flohsamenschalen und andere stark quellende Quellen.
Dieser Text beschreibt physiologische Zusammenhänge. Er ist keine medizinische Beratung, keine Ernährungsempfehlung für den Einzelfall und nicht zur Selbstdiagnose geeignet. Bei anhaltenden Beschwerden ist eine ärztliche Abklärung der richtige Weg.
Häufig gefragt
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung nennt als Richtwert für Erwachsene mindestens 30 Gramm pro Tag – für Frauen und Männer gleichermaßen. Bezogen auf die Energiezufuhr entspricht das mindestens 14,6 Gramm je 1000 Kilokalorien. Erhebungen zeigen, dass ein großer Teil der Bevölkerung in Deutschland darunter liegt.
Hülsenfrüchte wie Linsen, Bohnen und Kichererbsen, Vollkorn aus Hafer, Roggen und Gerste, Gemüse – besonders Kohlarten, Wurzelgemüse und Lauch –, Nüsse und Samen wie Leinsamen, Flohsamenschalen und Mandeln sowie Obst, etwa Beeren und Äpfel mit Schale.
Lösliche Ballaststoffe binden Wasser und werden von Darmbakterien überwiegend gut vergoren – dazu zählen Pektin, Inulin und Beta-Glucane aus Hafer. Unlösliche wie Cellulose und Lignin werden kaum vergoren und wirken vor allem über Volumen und Passagezeit. Die meisten pflanzlichen Lebensmittel enthalten beides.
Stärke, die im Dünndarm nicht aufgeschlossen wird und deshalb den Dickdarm erreicht. Sie entsteht unter anderem beim Abkühlen gekochter Kartoffeln, von Reis oder Nudeln – die Stärke lagert sich dabei um. Beim erneuten Erwärmen bleibt ein Teil davon erhalten.
Kurzkettige Fettsäuren entstehen im Dickdarm, wenn Bakterien Ballaststoffe und andere unverdauliche Kohlenhydrate vergären. Die drei häufigsten sind Acetat, Propionat und Butyrat. Butyrat bleibt überwiegend im Darm; Acetat und Propionat gelangen zu großen Teilen weiter in den Stoffwechsel.
Bei der Vergärung im Dickdarm entstehen neben kurzkettigen Fettsäuren auch Gase, unter anderem Kohlendioxid, Wasserstoff und Methan. Das ist der Vorgang selbst, nicht sein Nebeneffekt. Wer die Menge schrittweise steigert und ausreichend trinkt, gibt der Bakteriengemeinschaft Zeit, sich darauf einzustellen.
Beides, aber die Vielfalt wird unterschätzt. In der Auswertung des American Gut Project von 2018 zeigten Teilnehmer, die wöchentlich mehr als 30 verschiedene pflanzliche Lebensmittel aßen, eine vielfältiger zusammengesetzte Darmflora als diejenigen mit zehn oder weniger. Die Zahl der Pflanzenarten sagte dabei mehr aus als die Einordnung als vegetarisch oder vegan.
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